Unsere Reise nach Madagaskar war von Anfang an ein großes Abenteuer. Vor allem was das von A nach B kommen betraf. Das startete spätestens mit dem Hinflug von den Seychellen nach Antananarivo („Tana“), wo wir plötzlich am Schalter keine Tickets bekamen. Der Flug wäre überbucht, angeblich. Schock pur, vor allem für mich! Denn so schön die Seychellen auch waren, mein Traum war von Anfang an Madagaskar. Und dann so etwas! Diese Verzweiflung muss mir wohl ziemlich deutlich ins Gesicht geschrieben gewesen sein. Irgendwie wurden meine Gebete doch noch erhört und ich durfte mich mit mindestens 180 Puls in den Flieger setzen. Den Pulsschlag behielt ich sicher bis zur Landung bei.

Tsingy de Bemaraha Hängebrücke

Dann unser Roadtrip in den Tsingy de Bemaraha Nationalpark mit insgesamt sieben Tagen Fahrt, teils über Sandpisten und gleich mehreren Autopannen. Kaum wieder zurück in Antananarivo machte ich einen dreitägigen Kurztrip alleine mit einem madagassischen Taxifahrer und seinem Uralttaxi nach Andasibe um die Lemuren aus nächster Nähe zu sehen.

Im Anschluss startete aber das verrückteste und schönste Abenteuer: Die Reise in den Norden gemeinsam mit einer madagassischen Familie. Jetzt in diesem Moment ist das etwa zwei Monate her, aber es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht daran denke. Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, dass das wirklich so passiert ist. Wie anders und spannend ein Roadtrip auf madagassische Art ist, erzähle ich dir hier. Tipps zu Reisezielen rund um Diego Suárez (Antsiranana) erfährst du im folgenden Artikel.

Diego Suárez ist eigentlich der alte Name der nördlichsten Stadt Madagaskars, die heute Antsiranana heißt. Viele Madagassen nennen sie aber immer noch bei ihrer Kurzform „Diego“. Das Madagaskars Städte zwei gebräuchliche Namen haben ist übrigens nichts Ungewöhnliches, kann für ausländische Besucher aber oftmals verwirrend sein.

Die madagassischen Uhren ticken anders

Alles fängt damit an, dass mich Olivia, die beste Freundin meiner madagassischen Freundin Prisca fragt, ob ich mit ihrer Familie mitkommen möchte, um ihre Großmutter in „Diego“ (Antsiranana) zu besuchen. Was für eine Frage! Das ist es doch, genau DAS was ich will: Madagaskar hautnah erleben und nicht zuhause Fotos in einen Ordner schieben und das Thema abzuhaken.

Roadtrip Madagaskar Antananarivo Diego Suárez
Das Familientaxi

Also packen wir das Auto, einen Allrad-Van. Insgesamt sind wir zu sechst unterwegs: Olivia, ihre ältere Schwester Elysa, ihre jüngeren Geschwister Fabrice und Julia, sowie die Mutter der Familie und ich. 25 Stunden Autofahrt, aufgeteilt auf zwei Tage. Ja, wenn ich so nachdenke, habe ich in Madagaskar wirklich extrem viel Zeit im Auto verbracht!

Roadtrip Auto Madagaskar
Alles im grünen Bereich nach dem ersten Fahrerwechsel

Das hier die Uhren etwas anders ticken und Termine nicht so eng gesehen werden, hatte ich ja schon mitbekommen. Deshalb bin ich auch nicht verwundert, dass wir nach dem Frühstück um 4:30 nicht wie geplant um 5 Uhr, sondern erst um 6:30 starten. Tja, so ist das eben. Um etwa 8 Uhr wird dann endlich auch die Großmutter in Diego informiert, dass sie Besuch bekommt. „Meine Mutter glaubt, dass man solche Pläne nicht verschreien soll“, meint Olivia. „Sonst kann es sein, dass am Ende nichts funktioniert.“

Landschaftsfernsehen

Trotz den langen Fahrtzeiten ist mir nie langweilig geworden. Vor allem auf dem Weg nach Diego kann ich meine Augen kaum vom Fenster lösen, so schön ist es. Dörfer, Flüsse, Hochland…

Hochland Madagaskar Landschaft

Hoffentlich hält der Kamera-Akku bis am Abend durch! Gestoppt wird nur für Pinkelpausen, Essen in sogenannten „hotelys“ und Shopping. Shopping? Ja, Olivias Mutter liebt es, bei jedem Straßenstand stehen zu bleiben und unter anderem Früchte zu kaufen und zu handeln.

Madagaskar Zucker Ziegel
Shoppingbeute: ein ganzer Ziegel aus Zucker

Dabei bin ich als „vazaha“ (Fremde) natürlich keine große Hilfe, obwohl ich zumindest in Begleitung von Madagassen tatsächlich manchmal auch madagassische Preise geboten bekomme. Das funktioniert allerdings wirklich nur an nicht touristischen Orten.

Essen im hotely

Ein hotely ist nicht, wie man meinen möchte, ein Hotel, sondern vielmehr ein Minirestaurant, meist am Straßenrand, das oft von einer Familie betrieben wird. Manchmal gibt es Tische und Bänke, manchmal kann man es eher als Drive-in plus Gratisaustausch der aktuellen Dorfneuigkeiten betrachten.

Madagaskar hotely Küche
Küche des hotely

Hier gibt es traditionelles madagassisches Essen, wie saure geriebene Mango, Reis, gekochtes Reiswasser, Hühnchen, Fisch oder Zebu und frittierte Bananen. Frühstück, Mittag- und Abendessen unterscheidet sich da meist nur wenig. Mal bekommt man ein Tablett in die Mitte gestellt und zahlt dann pro verzehrtem Stück, mal kann man „à la carte“ (oft mündlich) bestellen.

Essen im hotely Madagaskar
Viel Reis für gibt es für jeden, alles andere ist Beilage

Allerdings muss man selbst mitzählen, wieviel man isst. Gekocht wird meist direkt neben den Gästen auf Holzkohleöfen. Es kommt dann auch schon mal vor, dass ein Kind zur selben Zeit gestillt wird, während die Frau kocht und mit uns über den Preis verhandelt.

Unglaublich gut ist das Essen jedes Mal, aber mein Magen ist nicht sehr begeistert. Allerdings war er in der ersten Woche auch nicht mit dem Essen in den „feineren“ Restaurants zufrieden. Wer aufpassen möchte, sollte auch nur verpackte Getränke bestellen. Madagassen trinken gerne und oft Reiswasser (rano nampango), also Wasser welches sie nochmal mit dem am Topfboden angebrannten Reis aufkochen und dann warm inklusive dem Reis trinken.

Madagaskar Restaurant
Madagassisches Restaurant mit Reiswasser am Tisch

Madagaskars Küche ist jedenfalls nichts für zartbesaitete Verdauungsorgane, aber das mag auch zu einem großen Teil an der starken Umstellung des Essens liegen. In den hotelys ist man als Ausländer auf jeden Fall ein Exot, aber ich wurde trotzdem nie unfreundlich angesprochen oder ständig angestarrt.

Madagaskar frittierter Teig
Drive in Frühstück

Für viele Touristen mag das Essen aber suspekt sein, vor allem das verwendete Wasser und das vollkommene Fehlen einer Kühlkette. Die Preise liegen hier für Hauptspeise plus Getränke etwa zwischen 50 Cent bis etwa 1,50 Euro pro Person. Vor allem die großen Reisportionen, die hier Hauptgericht statt Beilage sind, machen richtig satt.

Madagaskar Essen Zebufleisch
Reis mit Zebufleisch als Beilage

Zwischenstopp in Antsohihy

Irgendwo muss man auf dieser gewaltigen Strecke von über 1.000 Kilometer ja Pause machen, deshalb ist es umso praktischer, dass Priscas Vater in der kleinen Stadt Antsohihy wohnt und das Hotel Maeva betreibt.

Chambre Meva Antsohihy

Für europäische Verhältnisse wäre es wahrscheinlich eher ein Hostel. Wir schlafen alle gemeinsam in einem Raum, in dem bunt zusammengewürfelt sieben verschiedene Betten so knapp beieinander stehen, dass man kaum dazwischen durchgehen kann. Fließendes Wasser im Haus ist ebenso wenig vorhanden wie Licht am Plumpsklo oder Toilettenpapier. Draußen gibt es allerdings ein Betonwaschbecken, aus dem dünn ein Wasserstrahl kommt, mit dem man auch den Kübel füllen kann, den man zum Waschen nach dem Toilettengang verwendet. Das mag jetzt für einige schlimm klingen, aber das Leben hier hat einfach eine andere Normalität als zuhause in Europa!

Madagaskar Hotel Chambre Meva
Familienzimmer im Hotel

Gemeinsam mit Priscas Vater essen wir zu Abend, Reis mit Fisch und Kräuterwasser, das zum Anfeuchten der trockenen Reisportion dient und außerdem ein komisches Kribbeln auf der Zunge verursacht. Ich bin komplett unfähig, meinen Fisch ordentlich zu essen und die Gräten wie alle anderen fein säuberlich rauszutrennen. Also sieht mein Teller danach eher aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Der Preis für die Nacht für alle zusammen liegt übrigens bei gerade mal 4,50 Euro. Ganz wichtig: dabei können wir unser vollbeladenes Auto auch im Hof hinter einer Mauer und einem gesicherten Tor abstellen.

Weitere Kulinarik-Abenteuer in Madagaskar

Der Weg führt uns weiter in den Norden und es wird wie am Tag zuvor von Stunde zu Stunde wärmer und auch die Landschaft ändert sich, ebenso die Kleidung und Häuser der Leute.

Landschaft Madagaskar tropisch

Das Einzige, das uns immer noch begleitet, sind die zahlreichen Reisfelder und Zebuherden. Wir nähern uns mittlerweile den bekannten Kakaoplantagen im Norden, wo qualitativ erstklassiger Kakao angebaut wird, der auch von der steirischen Zotter Schokoladenmanufaktur verarbeitet wird. Olivias Mutter kauft zwar ganze Kakaofrüchte, wobei keiner weiß so recht, was man eigentlich damit machen könnte, oder wie man sie isst – aber sie schauen zumindest sehr schön aus 😉

Zum Mittagessen im hotely gibt es heute jedenfalls Krabbe – mit handtellergroßen Körpern. Zuerst muss der Panzer des Körpers und der Scheren gekonnt mit einem Löffel zerschlagen werden, dann kann man das Fleisch raussaugen. Ein richtiges Schlürfkonzert beim Mittagessen! Aber wie auch beim Fisch und dem sehr knochigen Huhn muss man echt oft hart arbeiten, um an sein Essen zu kommen.

Frühstück in Madagaskar
Frühstück (erkennbar an der Tasse Kaffee rechts)

Straßen sind nicht gleich Straßen

Circa 160 Kilometer vor Diego wird die Straße dann schlussendlich richtig schlecht. Das Verhältnis von Asphalt zu Schlaglöchern kehrt sich langsam um, bis es quasi nur noch Schlaglöcher auf einer Sandpiste gibt. Aber Madagassen sehen das nicht so eng. Auf solchen Straßen kann man ja immer noch mit kleinen Tuktuks, Minibussen (Taxi Brousse), Mopeds und vor allem voll beladenen Zebu-Gespännen fahren, also kann es nicht so schlimm sein.

Ruhig Blut bei Pannen

Das gilt sowohl für Pannen von anderen Autofahrern, die den Weg versperren, als auch für eigene. Der komplette Check beim Mechaniker vor der Abfahrt hat unsere Panne auf der Rückfahrt aber trotzdem nicht verhindern können. Es kommt, wie es vielleicht nach einer solchen Schlaglochpiste einfach kommen muss: kurz nach dem Überqueren einer Brücke im Nirgendwo hören wir ein unheilvolles Geräusch. Flap-flap-flap. Ein Reifenplatzer.

Madagaskar Roadtrip Platten Auto
Da geht nichts mehr!

Gut, dass wir einen Ersatzreifen dabei haben! Nachdem wir fünf Minuten dort stehen, sind auch schon jede Menge neugierige Kinder heran geeilt, die alle helfen wollen. So wird der absolut glatt gefahrene Ersatzreifen schnell ans Auto geschraubt, bevor wir sehen, dass kaum Luft drin ist. Blöd, denn bis zur nächsten Ortschaft sind es noch etwa 50 Kilometer, zurück etwa 20. Es wird wohl nichts mit dem Plan, heute noch nach Tana zurückzukommen. Aber so ein Problem lässt sich in aller Ruhe lösen.

Madagaskar Kinder Fahrrad Zuckerrohr
Schnell haben wir Gesellschaft. Die beiden verkaufen uns Zuckkerrohr

Ein entgegenkommendes und meiner Meinung nach schon vollbeladenes Taxi Brousse (Buschtaxi) wird angehalten und nimmt die zwei Reifen noch am Dach mit. Elysa und Fabrice steigen durch das letzte Fenster des Kleinbusses ein, da vorne wirklich kein Platz mehr ist und fahren zurück. Telefonisch erfahren wir nach einer Weile, dass der Ersatzreifen jetzt Luft drin hat, sie einen neuen Reifen gekauft haben und mit einem anderen Taxi Brousse theoretisch wieder auf dem Weg zu uns sind.

Praktisch sieht die Sache leider so aus, dass das Taxi Brousse auf der Hälfte der Strecke stehenbleiben musste. Warum? Sprit war aus. Keine Ahnung, wie das passieren konnte, aber es musste ein Passagier aussteigen und mit einem anderen Taxi Brousse abermals zurückfahren, um einen Kanister Benzin zu holen. Unglaublich, aber wahr. Inzwischen vertreiben wir uns die Zeit mit Sonnencreme-Malereien, dem Lernen der madagassischen Hymne und Zuckerrohr-Snacks. Das kaufen wir von den Kindern aus der Umgebung, die sich gerne mit uns unterhalten.

Madagaskar Hautbemalung Sonnencreme
Wie kann man die Wartezeit möglichst angenehm gestalten?

Irgendwann kommen auch Elysa und Fabrice mit den zwei Reifen zurück und die Reise kann endlich weitergehen.

Mechaniker müsste man sein

Solltest du auf einem Roadtrip sein, dann vergewissere dich, dass dein Fahrer sowohl grundlegende Mechanikerkenntnisse als auch Werkzeug dabei hat. Mechaniker gibt es nicht in jedem madagassischen Dorf und wenn, sind sie oft auch nicht so gut ausgestattet, dass sie alles reparieren können. Der erste Mechaniker, den wir nach unserer Reifenpanne mit dem ausgetauschten Reifen finden, liegt sturzbetrunken vor der Werkstatt. Zum Glück gibt es in diesem Ort noch eine zweite Werkstatt, die auch gut ausgestattet ist, aber auch hier gilt das Motto: keine Hektik. Es wird aber alles gut gemacht, nur eben in Ruhe.

Madagaskar Landschaft Hügel

Das ist noch ein Grund, keinen Roadtrip alleine zu machen, sondern nur mit Fahrer. Mietwagen werden ohnehin nur mit Fahrer verliehen, was auch Sinn macht. Selbst wenn du dich gut auf Französisch verständigen kannst – nicht überall auf Madagaskar wird es so gut gesprochen wie im Zentrum. Und kennst du dich mit madagassischen Umgangsformen nicht aus, wird es nochmal schwieriger. Sei es den richtigen Weg oder Hilfe bei einer Panne zu finden.

Madagaskar Unterkunft
Platz genug für sechs Leute 🙂

Nach dieser Panne übernachten wir jedenfalls spontan in einem Hotel, in dem wir zu sechst ein Zimmer im ersten Stock mit zwei Doppelbetten beziehen. Bad und Klo gibt es zwar auch, aber das Wasser muss mit Kanistern hochgetragen werden und ist eben kalt. Der Vorteil: man braucht umso weniger davon!

Madagaskar kein fließendes Wasser
Kreativer Abfluss und Wasserkanister

Madagassisches und österreichisches Zeitempfinden

Zeitangaben sind generell eher relativ zu betrachten. Das trifft beinahe auf alles zu, außer auf die stets zur selben Zeit aufstehenden Hühner. Und Abflugzeiten am internationalen Flughafen.

Madagaskar Hühner Transport
Hühner auf unfreiwilligem Roadtrip

Noch jetzt frage ich mich, warum ich nicht gesagt habe, mein Flug gehe zwei Stunden früher. Statt einer ausgemachten Abfahrtszeit von 13 Uhr zuhause, meldet Elysa sich um halb drei, dass sie auf dem Weg sei, aber wir sollen ihr mit Bus und zu Fuß entgegen kommen und sie an einer Tankstelle treffen. Spätestens da war mein Puls wieder mindestens so hoch wie bei der Ankunft. Zwei Stunden später als geplant fahren wir endlich zum Flughafen und geraten prompt in einen endlosen Stau. Ich, ohnehin kurz vorm kompletten Auszucken, sehe wie uns zuerst Mopedfahrer, dann Radfahrer und schlussendlich sogar Fußgänger überholen und der Flughafen immer noch nicht in Sicht ist. Nicht mal mein madagassisches Vanille-Eisstanizel mit echten Cashewnüssen kann ich genießen, so nervös bin ich. Aber: Ende gut, alles gut, wir haben es gerade noch geschafft!

Tja, Madagaskar hält so einiges an Aufregung und Abenteuer bereit und ist definitiv nichts für schwache Nerven! Aber all die Aufregung und Pannen werden entschädigt durch die unglaublich freundlichen Madagassen und eine beeindruckende Landschaft, die ich so noch nie gesehen habe.

Corinna Donnerer

Cori, 25, und hauptberuflich als Physiotherapeutin selbstständig. Schon während der Schulzeit und des Studiums habe ich viele Gelegenheiten zum Reisen genutzt und war so als Austauschschülerin und Aupairmädchen in Chile. Praktika habe ich in Deutschland und der Schweiz gemacht. Gemeinsam mit Flo ging es nach meiner Ausbildung auf Weltreise und seitdem hat mich das Reisefieber fest im Griff.

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