Gerade wurde ich von den Rufen der Muezzins geweckt. Das fühlt sich immer noch seltsam an. Genauso wie die Tatsache, dass ich in T-Shirt anstatt Pulli hier sitze, jede Menge unnütz gewordener Apps auf dem Handy habe und mir einen – zugegeben sehr schönen – Abstecher nach Amsterdam hätte sparen können …

Aber so spielt das Leben und irgendwann passieren Vielreisenden wohl zwangsweise Dinge, mit denen man nicht unbedingt rechnet. Mein Gepäck ging mal verloren, ich musste auf Flughäfen übernachten und lernen wie hart und kalt Fliesenböden sein können, wenn man zu lange darauf liegt. Bei der Einreise wurde mein Rucksack auf eine Metallstange geworfen, dass ich hören konnte, wie ein großes Glas voll Honig, mein Gastgeschenk, zerbrach. Mit einer Freundin aus Madagaskar wurde ich vier Stunden lang auf einem Mini-Boot in der prallen Hitze vergessen – oder sitzengelassen, das wissen wir bis heute nicht. Einer unserer Fahrer war so stürmisch beim Furten eines Flusses, dass der Kühler des Jeeps kaputt ging und wir sechs Autostunden von der nächsten Werkstätte auf einer Sandpiste standen. Ein anderes Mal hatten wir 30 km vom nächsten Dorf einen Reifenplatzer. Wir standen aber auch schon mal vor einem überbuchten Flug, der plötzlich 5 Minuten vor dem Abflug doch noch Plätze für uns hatte. Und als ich den Flug in mein Schüleraustauschjahr nehmen wollte, wurde ich von Economy auf Business umgebucht. Wir haben unter der Christusstatue in Rio de Janeiro eine Finnin kennengelernt, die wir danach in Helsinki besucht haben und wurden von einer madagassischen Familie unglaublich freundlich aufgenommen und herumgeführt.

Ungeplantes kann ja auch sehr gut ausgehen. Trotzdem ist es im ersten Moment ein bisschen ärgerlich, einen Flug nach China bezahlt zu haben und schlussendlich in Marrakesch zu landen.

Wie ist das passiert? Schon sehr lange wollte ich einen lieben Cousin, der gerade in China als Volksschullehrer an einer internationalen Schule arbeitet, besuchen. Es hat bisher einfach nie gepasst – mal war es mein Studium, mal andere Gründe, warum ich es doch nicht machte. Und dann habe ich mich doch sehr spontan dafür entschieden. So spontan, dass ich nicht sicher war, ob ich rechtzeitig ein Visum bekommen würde. Kein Problem: Es gibt in China in einigen Städten ein Transit-Visa, das 144 Stunden gilt, beginnend ab Mitternacht nach dem Anreisetag. Super!

Eine Woche China kann ich mit dem Studium vereinbaren, dachte ich. Und eine Woche reicht zwar nicht, um das Land kennenzulernen, aber für eine Stadt wie Peking ist das einigermaßen ausreichend. Mein Cousin schickte mir einen Invitation Letter, nur um zusätzlich noch etwas in der Hand zu haben, auch wenn das für ein Visum eigentlich nicht notwendig ist. Dafür braucht man Tickets, die die Einreise und Ausreise in verschiedene Länder bestätigen – also Land A – China – Land B. So, und nun stand ich in Amsterdam beim Gate und wollte den Flug nach Helsinki mit Anschluss nach China boarden, mit einem Rückflug nach Düsseldorf.

„Warum haben Sie kein Visum für China?“, fragte man mich am Gate. „Es gibt ein Transitvisum.“ „Nie gehört.“ Ein großes Hin und Her bei Finnair, Anrufe zu den Supervisors, die anscheinend alle zum ersten Mal von einem Transitvisum hörten. Bis jemand meinte, ich bräuchte eine offizielle Einladung von der Regierung, wenn ich kein Visum im Pass habe. Daraufhin wurde mir das Boarding verweigert, keine Rückerstattung möglich. Es sei denn, ich würde diesen Invitation letter bringen, jede Menge Umbuchungsgebühren bezahlen und dann mit meinem ursprünglichen Rückflug zurück. Tja, die chinesische Botschaft in den Niederlanden ist nicht mal in Amsterdam, die liegt in Den Haag und hat, wie jede andere Botschaft auch, recht kurze Öffnungszeiten. Frühestens in zwei Tagen sei das Visum fertig – und das nur bei persönlichem Vorbeikommen.

Der Flug weg und das Gefühl, gestrandet zu sein, saß ich nun da. Was tun? Zum Glück ist das Wifi am Amsterdamer Flughafen wirklich gut. Ich sah mich nach weiteren Flügen um und ging die einzelnen Optionen durch. Schließlich wollte ich meine eine, wertvolle Urlaubswoche zwischen meinen beiden Fortbildungseinheiten noch so gut wie möglich nutzen. Nicht gerade erbaulich war das Gespräch mit einer Mitarbeiterin von KLM – „Natürlich gibt es ein Transitvisum! Wir hätten Sie fliegen lassen!“ Aber gut, es war zu spät. Tränen zurückhalten, weiterlaufen.

Schlussendlich war der leistbarste Flug an diesem Tag einer nach Marrakesch. Heilfroh, dass ich kein Aufgabegepäck hatte, sprintete ich wieder zurück durch die Security-Kontrolle, zum Schalter von Transavia, bezahlte für einen Flug in eineinhalb Stunden und wollte meinen Boardingpass beim Schalter holen. „Ihr Name ist falsch eingetragen, Sie müssen das ändern!“ Uaaaargghh. Zurück zu Transavia, Namen ändern. Wieder zum Schalter, Boarding Pass holen. Zurück an das andere Ende vom Flughafen. Zurück durch die Security. Die deutlich weniger streng war, als bei den Gates zu den Nicht-ganz-so-billig-Airlines. Zum Gate. Wow, dieser Teil des Flughafens ist ganz was anderes, kaum Geschäfte, ziemlich verlassen und sehr grau. Egal. Boarding.

Was ich in der ganzen Zeit natürlich nicht gemacht habe, war Essen oder Trinken. Nun ist ja bald Nikolaus. Deshalb wollte mein Cousin Schokolade für 40 Kinder haben, die ich noch in Amsterdam besorgte. Außerdem hatte ich noch Lebkuchen und Käse aus Deutschland eingepackt. Das war ein sehr eigenartiges Mittagessen. Falls du jemals in die Situation kommst, lass die Experimente von würzigem Käse und Lebkuchen sein. Das ist nicht gut. Damit ich zu etwas Flüssigkeit vor der Landung um halb acht am Abend kam, bestellte ich eine chinesische Nudelsuppe. Ha-ha. Die ist so groß, wie ein kleiner Cappuccino und mit dem Löffel, den ich dazu bekam, würde ich aus dem Nest geworfene Spatzen aufpäppeln. Gut, so hat man definitiv länger was von der Suppe. Aber sie war leider kein Ersatz für China.

Zugegeben, muss ich ja auch wirklich sagen, dass das Jammern auf hohem Niveau ist. Das Luxusproblem zu haben, sich am Flughafen noch entscheiden zu können, umzubuchen. Und hey, nach Marokko wollte ich ja auch schon mal. Eigentlich vor allem, um die blaue Stadt Chefchaouen im Norden zu sehen, aber Marrakesch ist bestimmt auch toll.

Das sagte mir auch meine Sitznachbarin, eine Indonesierin, die in Holland wohnt und seit einem halben Jahr einen marokkanischen Freund hat. Es wurde doch noch ein toller Flug und wir einigten uns darauf, die nächsten Tage etwas gemeinsam zu unternehmen. Klingt super! Außerdem wollte sie ihrem Freund etwas aus Amsterdam mitbringen – da konnte ich meine Schokolade gut weiterreichen.

Lange war ich nicht gelandet, da ging es schon mit dem Handeln los, worauf ich an diesem Tag absolut keine Lust mehr hatte. Also nahm ich lieber den Bus in die Stadt. Keine Ahnung, wie ich zum Hostel kommen sollte. Als ich es trotz Wegbeschreibung nicht fand, fragte ich jemanden in einem Laden. Der brauchte nur kurz, um jemanden mit Englischkenntnissen aufzutreiben, der mich schlussendlich zum Hostel brachte und sich ebenfalls mit Schokolade anstatt Geld bezahlen ließ.

Hassan, der Hostelmitarbeiter, führte mich dann noch zu seinem Lieblingsrestaurant und gab mir ebenfalls einen Rabatt auf das Wäschewaschen – im Austausch gegen Schokolade. Das bleibt weiterhin spannend! Da ich nur mit Handgepäck reisen wollte und bereits eine Fortbildungswoche in Deutschland hinter mit hatte, besaß ich zu dem Zeitpunkt schon mehr schmutzige als saubere Wäsche, die ich eigentlich bei meinem Cousin in China waschen wollte. Dinge wie Schiunterwäsche und so, denn dort hat es momentan Minus-Grade. Jetzt habe ich einen Rucksack voll mit Schmutzwäsche für den Winter, Schokolade, Käse und Lebkuchen. Hassan meinte, er würde mich mit dem Gewand seiner Mutter einkleiden. Bin schon gespannt, was der Tag so bringt und was man mit Schokolade für ca. 40 Kinder noch so machen kann!

Auf das Abenteuer und darauf, das Beste aus jeder Situation zu machen! Und es lebe die Schokolade!

Corinna Donnerer

Cori, 28, und hauptberuflich als Physiotherapeutin selbstständig. Schon während der Schulzeit und des Studiums habe ich viele Gelegenheiten zum Reisen genutzt und war so als Austauschschülerin und Aupairmädchen in Chile. Praktika habe ich in Deutschland und der Schweiz gemacht. Gemeinsam mit Flo ging es nach meiner Ausbildung auf Weltreise und seitdem hat mich das Reisefieber fest im Griff.

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