In Österreich bin ich sehr verwöhnt von der Adventzeit und Weihnachten. Auch wenn mal wieder am 24. Dezember kein Schnee fallen will, bin ich schon lange zuvor in Weihnachtsstimmung. Oder genervt davon. Überall Lichter, viel leckerer Punsch, Kälte, mit Glück ein bisschen Schnee und die kurzen Tage gehören für mich einfach dazu. Was bleibt aber von der Weihnachtsstimmung ein paar tausend Kilometer weiter südlich? Ein Bild davon konnte ich mir 2007 als Austauschschülerin in Punta Arenas und 2010 als Aupair in Santiago de Chile machen. Und zumindest einen kleinen Teil von österreichischem Weihnachtsbrauchtum in Form von selbstgebackenen Keksen beisteuern.

Weihnachten im Sommer

Für mich eine echt schräge Vorstellung. Tatsache ist, dass es in Punta Arenas, an der Südspitze Chiles, zu dieser Jahreszeit ENDLICH einmal ein bisschen wärmer ist. Und in Santiago herrscht brutaler Großstadtsommer unter der Dunstglocke der Abgase. Was tut man da, um in Weihnachtsstimmung zu kommen? Vielleicht eines der vielen ziemlich kurzen Weihnachtsmannkostüme anziehen. Kunstschnee auf die Scheiben sprühen. Und am besten noch Weihnachtslieder wie „Let it snow“ in voller Lautstärke aufdrehen. Zumindest sind das die Devisen, denen viele Geschäfte und Shoppingcenter folgen. Auch Privathaushalte lassen es sich oft nicht nehmen, überall Sterne, Schneeflocken, Schlitten mit oder ohne Rentieren, dem Weihnachtsmann und Tannenmotiven anzubringen.

Da Punta Arenas so weit südlich liegt, wird es im Winter nicht richtig dunkel. Selbst spät am Abend herrscht solche Helligkeit, dass zögerlich aufkommende Funken von Weihnachtsstimmung schon allein dadurch im Keim erstickt werden. Nicht besser war es in Santiago de Chile bei über 35°C und dem Pool vor der Wohnungstür.

Weihnachten bedeutet für Schüler in Chile ebenso Ferien – Sommerferien! Die fehlenden Weihnachtsferien werden deshalb durch längere Sommerferien und durch zusätzliche „Winterferien“ ausgeglichen. Richtig, das bedeutet im Endeffekt: mehr Ferien.

Der Weihnachtsbaum

Sehr eindrücklich ist mir das Erstaunen meiner Gastmutter in Erinnerung geblieben, als ich ihr von dem Brauch des Weihnachtsbaumes in Österreich erzählte. Besonders ihre Reaktion darauf, dass es hier üblich ist, Tannenbäume ins Zimmer zu stellen und darauf Kerzen anzuzünden. Das wollte sie mir anfangs gar nicht glauben – immerhin „brennen Bäume!!!“. Die chilenischen Plastikbäume tun das sicher ausgezeichnet. Ich kenne keine einzige chilenische Familie, die einen echten Baum zu Weihnachten aufstellt. Immerhin stammt der Brauch dazu nicht aus Südamerika und in vielen Gegenden herrscht ja auch ausgesprochene Tannen-Knappheit. Aber die meisten Familien lassen es sich dennoch nicht nehmen, einen Plastikbaum in unterschiedlichen Größen ins Wohnzimmer zu stellen. Dieser besteht meist aus einem Drahtgerüst, aus dem rundherum (auch um den Stamm) grüne Fäden herausragen. Viele haben oft schon einige Jährchen auf dem Buckel und teilweise auch deutliche Spuren vom alljährlichen Auf- und wieder Zuklappen der Äste. Sie stauben auch ziemlich, wenn man sie mal vom Dachboden holt. Manche Chilenen helfen sich dann kurzerhand mit dem Gartenschlauch.

Wie erwähnt, sind Kerzen ein absolutes Tabu. Ich habe auch kaum elektrische Kerzen gesehen. Stattdessen wickelt man um den Baum bunte Lichterketten, von dezent bis grell. Wobei dezent seltener der Fall ist. Vor allem bei den in verschiedenen Farben blinkenden Leuchtschlangen, die schon durch bloßes Hinschauen Augenkrebs verursachen 😉

Geschenke liegen wie in Österreich unter dem Baum. Aufgrund der Höhe des Baumes und der Anzahl der Geschenke der geladenen Gäste kann der Baum schon mal hinter den Geschenken verschwinden.

Große Christbäume in Shoppingcentern oder im Freien sind meist kegelförmige Plastikgebilde, an welchen abwechselnd Lichterketten und grüne Fäden angebracht sind. Oder, wie 2010 vor der Kathedrale in Santiago, von oben bis unten Werbung für Coca-Cola.

Geschenke für meine Aupairkinder. Auf dem Foto sind noch nicht alle zu sehen.
Geschenke für meine Aupairkinder. Auf dem Foto sind noch nicht alle zu sehen.

Fest der Familie

Auch in Chile kann Weihnachten als das „Fest der Familie“ gesehen werden. Anders als meine Familie in Österreich, die wirklich nur als „Kernfamilie“ feiert, wurden bei meinen Gastfamilien auch Freunde und Verwandte samt deren Familien eingeladen.

Christkind

Gibt’s nur als Figur in der Krippe. Eigentlich ist den meisten mir bekannten Leuten auch vollkommen egal wie Weihnachten entstand, hauptsache es wird gefeiert. Gerne werden auch Bräuche aus dem US-amerikanischen Raum übernommen – was heißt: der Weihnachtsmann bringt die Geschenke, Rudi das Rentier zieht den Schlitten schließlich auch im Sommer – wer weiß, vielleicht fährt er ja über die Anden?

Die Krippe

Existiert. Manchmal als bunt improvisierte Figurenzusammenstellung, manchmal als tatsächliches Set. Und bei meiner Gastfamilie in Santiago als Playmobilversion, die meilenweit enfernt vom Baum stand. War auch nicht so wichtig, denn das Christkind hatten die Kinder schon verloren. Vielleicht hatten es auch die Kampfhunde der Familie gefressen, wer weiß.

Krippe auf dem Cerro Santa Lucia bei strahlendem Sonnenschein und ca. 30°C.
Krippe auf dem Cerro Santa Lucia bei strahlendem Sonnenschein und ca. 30°C.

Bild 286

Krippe klassisch
Krippe klassisch
Krippe alternativ
Krippe alternativ

Adventkranz

Existiert nicht. Oder wurde von mir jedenfalls nie gesehen.

Adventkalender

Selten zu kaufen, nicht wirklich bekannt. Meine Aupairkinder waren vom mitgebrachten Kalender begeistert. Der Kampf um die Schokolade darin und die tägliche Diskussion, wer nun mit dem Aufmachen wirklich dran ist, grenzten manchmal an Mini-Gladiatorenspiele für Unter-10-Jährige.

Christmette – Kirchengang zu Weihnachten

Beide Gastfamilien überließen den Kirchgang „tiefreligiöseren“ Menschen und kümmerten sich lieber um das Essen.

Essen

Festessen gibt es zu Weihnachten, wie auch zu Silvester. Zu einem guten Festessen in geselliger Runde gehört in der chilenischen Vorstellung meist das „asado“ – das Grillen. Der Grill ist meist DER Mittelpunkt der in der Runde versammelten Männer. Vegetarier werden meist schief angeschaut. Das einzig Fleischlose, das seinen Weg auf den Grill findet, sind Kartoffeln oder zu erwärmendes Brot. Selten vereinzelte Paprikastreifen auf Fleischspießen.

In Santiago wurde das Fleisch schon geschnitten geliefert, hauptsächlich Steaks, Rippchen und Würste. In Punta Arenas ließ es sich meine Gastfamilie nicht nehmen zwei ganze Schafe (gehäutet und ohne Augen) zu kaufen und zu verarbeiten.

Zum Fleisch gibt es, wie erwähnt, hauptsächlich Kartoffel und Brot, manchmal auch Reis. Zumindest bei meiner Gastfamilie in Punta Arenas. Meine Familie aus Santiago stand eher auf „feinere“ Sachen, so wurde dieses Grundangebot von im ganzen Haus auf kleinen Schüsseln verteilten Leckerbissen ergänzt.

Zu Weihnachten kann man natürlich auch nicht auf Empanadas (gefüllte Teigtaschen) verzichten, ebenso wenig auf reichlich Nachspeise. Hat man selbst keine Lust Empanadas und Torten zu machen, gibt es die Möglichkeit eine von vielen Hausfrauen, die sich damit ein zusätzliches Einkommen verdienen, zu engagieren.

Zu Trinken gibt es meist Sekt, Wein, Bier und Limonaden.

Eine Art Käsesuppe in Tonschüsseln bei meiner Gastfamilie in Santiago
Eine Art Käsesuppe in Tonschüsseln bei meiner Gastfamilie in Santiago. Im Hintergrund von mir gebackene Käsestangerl.

Ich lernte mich auf die vielen Unterschiede einzulassen, denn Weihnachten wird überall anders gefeiert. Man sollte sich nur keinen Illusionen hingeben, Vanillekipferl und Schnee gehören einfach nicht immer dazu 😛

Corinna Donnerer

2 Kommentare

  1. Haha, sehr, sehr genial! 😀
    Ich finde das immer total spannend, wie etwas uns für uns selbstverständliches nur ein paar (oder auch mehr) Kilometer entfernt, komplet anders gelebt und verstanden wird.
    Wir waren letztes Weihnachten in Thailand und das Einzige, das uns daran erinnerte, dass heute wirklich DER Tag war, waren die Touris, die mit Weihnachtsmann-Mützen rumliefen. ^_^
    Liebe Grüße
    Christina

    • Ich habe mich auch einmal länger mit einer Freundin aus Thailand über Weihnachten unterhalten. War echt spannend, weil sie das Fest, obwohl sie zu einem großen Teil Buddhisten sind, trotzdem feiern. Wobei die Grundidee nur mehr selten vorhanden ist: Wahrscheinlich sind es auch, wie du sagst, mehr die Touris. 😉

      liebe Grüße und eine schöne Weihnachtszeit!
      Cori

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